Voll im Trend: Elektro-Goggo

Das erste Goggomobil mit Elektroantrieb in Deutschland

Kaum 40 Kilometer entfernt von Dingolfing, der Geburtsstätte des Goggomobils, wurde in Deggendorf das  erste Goggomobil mit Elektroantrieb in Deutschland gebaut. Initiator der ganzen Sache war Reinhold Kraus, der Elektromeister bei der Quin Akademie in Deggendorf ist. Das Institut ist in der Erwachsenenbildung tätig und gibt den Leuten die Möglichkeit, sich für einen Beruf zu qualifizieren. Weiterhin können sich Arbeitssuchende und Hartz IV Empfänger durch Kurse wieder in die Arbeitsprozesse eingliedern.

Im Juli 2010 hatte Reinhold Kraus beim Fernsehen eine Sendung zur Umrüstung eines Oldtimers auf Elektroantrieb gesehen. Ihm kam sofort die Idee, dass man solch eine Umrüstung im Rahmen eines Projektes auch innerhalb der Akademie durchführen könne.
Den Chef der Akademie, Johann Lehner, konnte er schnell für diese Idee begeistern. Jetzt fehlte nur noch ein einigermaßen erschwingliches Fahrzeug. Gedacht war an einen VW Käfer oder an eine Ente. Doch der Zufall kam ihm zu Hilfe, als ein Kunde des angeschlossenen „Kaufhaus wahren Wert" davon hörte. Dieser bot ihm zwei Goggomobile an, die er für das Projekt kostenlos vermitteln konnte. Reinhold Kraus ließ sich nicht lange bitten und schon war die Sache perfekt. Doch es wurde ein großes Abenteuer.
Beide Fahrzeuge waren in einem miserablen Zustand und zuerst musste ein Goggomobil komplett restauriert werden. Herr Kraus verließ sich auf die Erfahrung eines Kfz.-Mechanikers und eines Karosseriebauers, die in seinem Umfeld arbeiteten. Doch die schlugen ihre Hände über den Kopf zusammen, als sie die Goggos sahen. Doch Meister Kraus setzte alle Überredungskünste ein und so konnte ein Goggo bereits bis Ende des Jahres 2010 komplett zerlegt werden.

Die Restaurierung

Eigentlich war man nicht richtig für eine Fahrzeugrestaurierung eingerichtet. Man kam in der Halle der Abteilung Garten- und Landschaftsbau unter. Dort gab es keine Hebebühne, aber ein Baugerüst diente als fast vollwertiger Ersatz. Von oben wurde der Wagen mit Spanngurten an einem Träger gesichert.
Anfangs arbeiteten nur drei Leute am Projekt, doch zum Schluss waren es bald zwanzig! Auch der Chef war begeistert und freute sich über den Fortschritt. Aber es gab auch viele Rückschläge. „Bei den Blecharbeiten war bei den beschafften Reparaturblechen manchmal ein Zentimeter kein Maß (Sie waren überhaupt nicht passgenau)!" erklärte Kraus. Man musste viel improvisieren. Auch wunderte sich der Chef, dass man für das Goggomobil drei Satz Achsschenkelbolzen benötigte... - aber bekanntlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Übung war alles!
Alle Arbeiten am Goggo, einschließlich Spachteln und Schleifen, führte die Mannschaft selbst durch. Lediglich die Lackierung musste vergeben werden.
Am Schluss waren alle zufrieden und es kam ein ordentliches Goggomobil heraus, was sich sehen lassen kann. Im Innenraum wurde braunes Rindsleder verwendet und mit Alcantara aus der eigenen Polsterei abgesetzt. Auch die Schreiner leisteten ihren Beitrag und so bringt das Wurzelholz an Armaturenbrett und Türverkleidungen einen Hauch von Luxus in den attraktiven Kleinwagen.

    Leder und Wurzelholz          Der Schalter für das elektromagnetische Vorwählgetriebe

Der Elektroumbau

Man hatte das besondere Glück, ein Goggomobil mit elektromagnetischem Vorwählgetriebe bekommen zu haben. Diese Besonderheit wollte Meister Kraus auch erhalten. Natürlich gingen bei dem Umbau auf Elektro-Antrieb unzählige Stunden drauf, um die richtige Lösung zu finden. War sie erst mal gefunden, dann war die Umsetzung oft ein Leichtes.
Das Getriebe und der Motorblock blieben erhalten. Zylinder und Kolben wurden entfernt und die Öffnungen mit einer Blindplatte versehen. Auch die Kurbelwelle wurde durch eine speziell angefertigte Welle ersetzt. Es wurde ein Elektromotor mit 12 KW eingebaut, wie er auch für Gabelstapler verwendet wird. Es ist ein 3-Phasen-Motor (Kraftstrommotor). Die Umsetzung der Kraft von Motor zur angefertigten Welle erfolgt mittels eines Zahnriemens. Man könnte meinen, Herr Kraus hätte schon lange die Geschichte und die Produkte der Firma GLAS gekannt, doch das hat er sich alles mit seinen Mannen selbst ausgedacht.
Der Motorraum ist ausgefüllt mit 24 Lithium-Ionen-Batterien à 3 Volt und 130 Ah. Dies reicht für eine Reichweite von 110 bis 180 km. Das Aufladen der Batterie dauert an einer normalen 230 Volt-Steckdose ca. 8 Stunden. Wenn man Kraftstrom verwenden kann, reduziert sich der Ladevorgang auf 2,5 bis 3 Stunden. Durch die Umbaumaßnahmen ist das Goggomobil etwas schwerer geworden, aber es sind lediglich 35 kg Mehrgewicht.
Als Herr Kraus das erste Mal auf der Straße die Endgeschwindigkeit des Elektromobils testete, kam er auf 87 km/h und es bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn. Deshalb wurde der Wagen jetzt gedrosselt und fährt nur noch 70 km/h. Natürlich ist die Beschleunigung des E-Goggos jetzt wesentlich besser als mit einem Verbrennungsmotor-Antrieb. Dafür sorgt schon das für einen Elektromotor typische hohe Drehmoment.
Das Resümee
TÜV- AbnahmeIm Januar 2011 hatte man mit der Restauration begonnen, Mitte August fanden die ersten Probefahrten statt. Beim TÜV gab es überhaupt keine Probleme. Man hatte ihn von Anfang an eingebunden und der Leiter des TÜV schaute ab und zu interessiert vorbei, um das spannende Projekt zu verfolgen.
„Über 2.000 Stunden haben Restauration und Umbau verschlungen. Aber es waren sehr viele Stunden dabei, wo man erst einmal überlegen musste, wie es geht", sagte Reinhold Kraus. „Jetzt weiß ich viel mehr und jetzt würden wir wesentlich weniger Stunden für den Umbau benötigen." Die Gesamtkosten für das Projekt beliefen sich auf rund 20.000 Euro. Darin ist das Elektromaterial für Batterien, Motor, Controller, Ladegerät und einige Kleinteile mit ca. 7.000 Euro enthalten.
Nur für den Fall, dass jemand fragt, ob Reinhold Kraus ihm einen Umbau durchführt, hat er gleich dankend abgewunken. „Wir sind hier ein Ausbildungsbetrieb und keine Umbauwerkstatt. Dies war ein einmaliges Projekt. Unser Chef und auch die anderen Angestellten nehmen den Goggo gern für Stadtfahrten her und so soll es auch bleiben." (Wenn aber jemand mal eine Frage zum Umbau hat, wird er die gern beantworten. Kontakt ist über die Redaktion möglich.)
Stolz steht nun das Goggomobil im Eingangsbereich der Akademie und wartet auf den nächsten Frühling.
Uwe Gusen

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